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Den Mut, in Gefahr zu helfen, findet man allein nur schwer
… und selbst gemeinsam ist es nicht leicht und auch nicht immer unumstritten.

Das wurde schmerzhaft klar, als Schüler*innen der F12Sc und anderen Klassen sich einmal ihrer Position als „Jugendliche in einem reichen, sicheren und freien Land“ entledigen mussten. Im Projekt „Was tust du?“ (https://www.gedenkstaette-flossenbuerg.de/de/bildung/was-tust-du-projekttag) , das von Pädagogen der KZ-Flossenbürg entwickelt und von Andreas Kostial mit in die Schule gebracht wurde, fanden sich die Jugendlichen unversehens in der Haut tschechische Bürger kurz vor Ende des Krieges hineingeworfen und mussten versuchen, sich Konflikten zu stellen, die für uns heute nicht nur fremd, sondern schlicht unvorstellbar sind und ihre Rollenträger mit ethischen Zwängen quälen.

Die Situation:

Im tschechischen Roztoky fährt wenige Tage vor Kriegsende ein Zug mit über 70 Waggons ein. Man hört Stöhnen, sieht abgemagerte Arme herausragen und weiß, dass hier ausgemergelte, kranke und dem Tode nahe KZ-Häftlinge von den Lagern in der Nähe der Front wegverlegt werden sollen. Begleitet wird der Zug von schwerbewaffneten, ideologietreuen SS-Soldaten sind. Jeder weiß, Krankheit, Schwäche, Widerstand oder bloßes Auffallen können den Tod bedeuten.

Was tun?

Einmal in die klug und liebevoll detailliert ausgearbeiteten Rollenprofile eingearbeitet, merken die Schüler*innen recht schnell, dass sich diese Frage für jeden anders stellt.

Es macht einen Unterschied, ob man alleinstehend ist oder sich um die eigenen Kinder sorgen muss. Es wird kompliziert, wenn man selbst mehr tun will, aber mit jemanden leiert ist, der auf der anderen Seite steht. Ist man all die Kriegsjahre wie durch ein Wunder heil durchgekommen durch die Gräuel der NS-Zeit will man für sich und seine Lieben so kurz vor der Befreiung entweder nichts riskieren … oder es doch noch einmal wissen. Hat man einen verantwortungsvollen Posten inne oder schlicht bessere Mittel zur Verfügung, ruhen schnell alle Augen beunruhigend erwartungsvoll und fordernd auf einem.

Aufgeteilt in Gruppen wie Eltern, Jugendliche, Würdenträger der Stadt, Anwohner oder Bahnarbeiter hadern eigentlich alle Schüler an diesem Tag mit ihren Entscheidungen.

Ja, konfrontiert mit dem unsäglichen Leid anderer will man etwas tun! Aber was kann man wagen? Was macht es nur schlimmer … für einen selbst, Freunde oder gar die gequälten Menschen im Zug? Was ist wirklich effektiv und vor allem, wem darf man seine Gedanken überhaupt anvertrauen? Denn im Ort finden sich neben Widerständler*innen, natürlich auch Mitläufer*innen und solche, die von der NS-Herrschaft profitiert haben.

Als die Gruppen nach ca. 15 Minuten eine erste grobe Entscheidung darüber getroffen haben, ob und wie sie handeln wollen, ist die Erleichterung über den nun wegfallenden Entscheidungsdruck im Raum physisch greifbar.

Doch die Moderatorinnen Michaela Dick, Lisa Herbst und Monika Grötsch, die schwungvoll, sympathisch und dennoch kritische Reflexion einfordernd durch den Vormittag führen, gönnen den Schüler*innen keine Verschnaufpause. Wie in der Realität auch, bleibt die Zeit auch dann nicht stehen, wenn man schwierige und existentielle Entscheidungen zu treffen hat: Ein Kind handelt, hilft, bietet Suppe und kommt damit erst einmal durch … Was nun? Dann werden Waffen gezückt …

In mehreren Phasen treiben die Ereignisse die Jugendlichen in ihren Rollen als tschechische Zivilisten vor sich ehr.

Stress. Meinungsumschwünge. Verzweiflte Vesuche, wenigstens die Kinder aus der Gefahrenzone herauszuhalten. Heldentum, das aufblitzt, aber doch unsicher bleibt. Und auch Versuche, andere vorzuschieben und der Verantwortung aus dem Weg zu gehen.

Ganz klar ist der Weg nicht, den die Gruppe für sich wählt und so ist das Wichtigste, was bleibt, auch das Gefühl, dass jeden Helfen zwar intuitiv als Pflicht empfindet, aber dass der konkrete Mut zur Tat nicht voraussetzungslos ist. Vieles muss bedacht werden und abgewogen sein. Zweifel ist nicht nur erlaubt, sondern ethisch geboten. Aber dennoch ist das keine Frage des Intellekts, die sich rational lösen ließe …

Zivilcourage baucht Mut, Menschen, die mit sich im Reinen sind und die eine klare Vorstellung von „richtig“ und „falsch“ haben, die Mitgefühl besitzen und sich nicht ihren Ängsten unterwerfen, die etwas wagen, auch wenn das entscheidende Ende nicht vollständig in ihrer Macht liegt. … Menschen, die in dem Bewusstsein handeln, Verbündete zu sein.

Wie die tschechischen Zivilisten in realen Roztocky, in Prag und an der gesamten Zugstrecke entlang, deren Zivilcourage und kluges Vorgehen den Schüler*innen nach der Kontrastierung zwischen historischen Tatsachen und ihren Überlegungen nichts als Respekt abringt.

Ob man hilft oder nicht … ist natürlich immer eine Frage des individuellen Charakters, aber es ist auch eine Haltung, die es gilt, ab jetzt sofort täglich einzuüben…  zusammen mit mutigen anderen.

Das hilft – nicht nur in existentiellen Bedrohungslagen, sondern an allen erdenklichen Ecken unserer Gesellschaft, sie es gerade auch nicht mehr immer so leicht hat.

(Text und Fotos: V. Bauer)

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