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Selbstoptimierung – mir reicht’s!

Belogen, betrogen, zur Selbstoptimierung aufgezogen.

Belogen, betrogen, zur Selbstoptimierung aufgezogen. Dieser Satz klingt doch eigentlich total schwachsinnig, aber steckt dahinter gegebenenfalls sogar eine tiefere Wahrheit? Betrachtet man den Trend zur Selbstoptimierung, so fällt auf, dass es sich hierbei eigentlich gar nicht um einen Trend, sondern vielmehr um eine festgesetzte Erwartungshaltung bereits aus Kindheitstagen handelt. Vielleicht ging es nie um unser Wohlbefinden. Vielleicht mussten wir uns nur immer weiter steigern, um uns selbst etwas beweisen zu können, anstatt die Chance zu erhalten, den weiteren Lebensweg einfacher zu bestreiten, worum es sich doch eigentlich eher hätte drehen sollen, wenn Aussagen wie Folgende fielen: „Komm, das üben wir gleich nochmal!“, „Das kannst du besser!“. Mit alledem wurden wir bereits schon als Kinder konfrontiert. Natürlich haben zu diesem Zeitpunkt die wenigsten Eltern darüber nachgedacht in welche Richtung dies ihre Sprösslinge treiben wird. Doch Fakt ist, dass genau aufgrund solcher Sätze, der Zwang immer besser werden zu wollen schon fast vorprogrammiert war und in unserer Gesellschaft somit auch in keinster Weise als unnatürlich anzusehen ist. Und das obwohl man doch eigentlich schon davon hätte ausgehen können, dass solch ein Verhaltensmuster jedem Einzelnen nur größere Stolpersteine, als benötigt, in den Weg legt.

Aber als wären die kleinen Alltagsproblemchen, in denen wir uns zu sehr unter Druck setzen nicht schon genug, kursieren seit einigen Jahren elektronische Geräte wie auch Smartwaches am Markt, welche unser Leben unter keinen Umständen erleichtern. Denn, wenn dir sogar deine Armbanduhr vorschreibt, was du genau in diesem Moment zu tun hast, wie soll man dann noch die Möglichkeit haben auch einmal einen Gang zurückzuschalten, auch einmal weniger von sich selbst zu erwarten? Denn wer versichert dir denn, dass sich die Mühe, die du dir heute gibst, morgen auszahlen wird? Wer gibt dir die Bestätigung, dass es sich lohnt, immer nur das Beste von dir selbst zu erwarten, wenn du dadurch, das eigentliche Ziel im Leben komplett aus den Augen verlierst?

Wer verspricht dir, dass du so deinen Weg zum Glück findest? Die Antwort ist Niemand und dessen sind wir uns alle höchstwahrscheinlich sogar bewusst, dennoch stehen wir jeden Tag mit der Erwartung auf mehr zu erreichen als gestern und lassen uns auf gar keinen Fall von diesem Gedanken abbringen.

Logischerweise eigentlich. Aber, warum? Die Gründe liegen natürlich nicht nur in einer „verkorksten“ Kindheit, sondern in besonderem Maße in unseren lieben, kleinen Freunden den Smartwaches und all den anderen elektronischen Gadgets, von denen wird denken, dass sie unser Leben vollumfänglich bereichern würden. Denn diese loben uns ja durchgängig mit Worten, die den meisten von uns geläufig sein werden: „Du hast dein tägliches Schrittziel von 10 000 mehrfach erreicht, dein Neues liegt nun bei 11 000“ oder „Mach weiter so“, welche natürlich als Anreiz dienen, die nächsten Tage faul auf der Couch zu liegen, weil das gesetzte Ziel ja bereits erreicht wurde.

Wer’s glaubt! Eventuell wäre dies ja die richtige Einstellung. Eventuell sollte man solch kleine Erfolge mehr feiern und sich auch einmal eine Auszeit gönnen, anstatt sofort davon ausgehen, dass mehr möglich wäre und nach der einen Errungenschaft schleunigst die nächste Hürde überwunden werden muss. Wenn wir ehrlich zu uns wären, wüssten wir, dass das Leben so viel angenehmer verlaufen könnte, wenn der Druck, der ununterbrochen auf uns lastet, geringer ausfallen würde. Aber sind wir als ins Leistungssystem Hineingeborene überhaupt in der Lage dazu? Können wir uns damit abfinden, dass irgendwann ein Maximum erreicht ist und es darüber hinaus nicht mehr weitergeht, oder sind wir als „Leistungstiere“ dazu verdammt bis ans Ende unserer Tage immer und immer wieder, bis ans Ende unserer Kräfte zu gehen, um uns erfüllt fühlen zu können? Diese Frage wird wohl nie geklärt werden können. Denn wer von uns würde sich denn jemals eingestehen, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem man einfach nicht mehr weiterkommt, an dem feststeht, dass bereits aus allen Vollen geschöpft wurde und man nun dort angelangt ist, wo es keine Möglichkeit mehr gibt sich selbst zu optimieren? Genau, mit hoher Wahrscheinlichkeit keiner. Weshalb es vielleicht noch nicht einmal einen Weg in die richtige Richtung gibt und es sich noch nicht einmal lohnt, sinnvolle Zeit, in der man doch versuchen könnte in irgendeinem Lebensbereich weiterzukommen, zu vergeuden. Denn am Ende des Tages werden wir sowieso niemals akzeptieren, dass der Mensch eben keine Maschine ist und klare Grenzen im Denken und Handeln bestehen. Es kann nicht jeder der Beste in Allem sein. Nicht heute und auch nicht morgen. Aber der Erhalt des Bewusstseins darüber ist wahrscheinlich genauso schwer wie der Kampf mit sich selbst. Die Erwartung, so viel, so gut, wie nur möglich, innerhalb kürzester Zeit, zu bewältigen.

Text von Cecile, Illustrationen von Selina N. und Carla.
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