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Weiden am 14.6.2078 – eine Dystopie

Weiden, den 14.06.2078

An denjenigen, die dieses Tagebuch eines Tages finden werden … in hoffentlich besseren Zeiten, … ich schreibe auf Papier … Das ist etwas, was ich noch nie getan habe und etwas, was niemand sonst in meiner Generation getan hat. Es fühlt sich seltsam an, dieser morsche und brüchige Fetzen Zellulose aus einer anderen Zeit, den ich auf dem Dachboden meines Großvaters gefunden habe.

Nachdem wir nie physisches Schreiben in der Schule gelernt haben, fällt es mir schwer, diese Zeilen zu verfassen, da wir alles digital verfassen. Aber warum schreib ich das jetzt auf Papier? Weil ich Angst habe. Angst davor, dass man entdeckt, dass ich nicht regimetreu bin. Aber fangen wir erstmal von vorne an. Ich möchte mich zunächst mal vorstellen. Ich bin Michael Meier und bin 19 Jahre alt. Ich habe eine jüngere Schwester namens Kim und einen Zwillingsbruder namens Florian. Letztes Jahr war Bundestagswahl und einer Partei namens „DBZ- Die bessere Zukunft ist machbar“ gewann die absolute Mehrheit.

Anfangs freute mich das, da sie versprachen, endlich die Probleme der Leute genau hier vor Ort anzugehen, um die sich so lange wirklich niemand gekümmert hat. Dies fand auch eine breite Unterstützung der Bevölkerung. Auch meine. Aber hätte ich gewusst, was sie machen, sobald sie an der Macht sind, hätte ich sie nie unterstützt. Sie begannen sofort mit der Zerstörung der Demokratie und Errichtung einer Diktatur. Sie schafften Pressefreiheit ab und riefen danach „Die gute Gegenwart“ aus, die man dann auch nicht einmal mehr scherzhaft oder auch nur andeutungsweise kritisieren durfte. Am Anfang gab es Proteste. Diese wurden durch eine hochgerüstete Polizei aber niedergeschlagen. Heute mussten wir alle uns in der Innenstadt versammeln und einen Schwur auf die neue Verfassung ablegen. Jeder, der sich weigerte, wurde von der Polizei abgeführt, unter ihnen war auch meine Schwester dabei. Danach wurde auf einem großen Hologramm die Regimeerklärung des Vorsitzenden übertragen. Alles in allem war es sehr erschreckend, vor allem weil danach das Internet voll mit Propaganda war.

Dieser neue Überwachungsstaat macht sich auch privat bemerkbar. Meine Mutter ist Mitglied der Partei und man merkt es auch. Sie beobachtet uns seitdem immer ganz genau, was wir sagen und tun. Ich erkenne sie kaum wieder. Besonders seit der Verhaftung von Kim. Bisher waren Kim, Florian und ich immer das Wichtigste im Leben von Mama….

Meine Geschwister und ich spielen ihr auch vor, dass wir voll dahinterstehen, auch wenn wir das nicht tun. Besonders schwierig ist es immer beim Abendessen, wenn wir unsere Vitamine und Mineraltabletten mit dem DBZ-Logo essen. Die Stimmung ist da immer sehr frostig.

Auch wenn Freunde kommen, ist meine Mutter immer sehr misstrauisch und fragt sie erst aus, wie sie das Regime finden. Mir ist das nicht nur peinlich … es macht mir Angst. Denn manche denken wie Kim und ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn sie zu Hause bei mir mal etwas ehrlicher sind.

Aber genug davon, es gibt noch ein weiteres großes Problem. Und zwar das Klima. Mein Opa erzählte mir zwar, dass seine Generation ganz laut war und alles versuchte, dieses Problem zu beseitigen. Aber die Generation seiner Eltern tat nichts. Gar nichts. Und mein Opa offenbar zu wenig. So traten dann die schlimmsten Befürchtungen von Experten ein. Die Polkappen sind extrem geschmolzen und Schnee im Winter gibt’s nicht. Der soll aber sehr schön gewesen sein. Stattdessen haben wir um Sommer eigentlich immer Smogalarm und Temperaturen zwischen 40-50 Grad. Die Landwirtschaft existiert nicht mehr so wie damals. Alles wird entweder synthetisch oder in Biofabriken hergestellt. Auch diverse Inseln wie z.B. das sogenannte Hawaii existieren nicht mehr. Wie das noch weitergehen soll und ob ich überhaupt Kinder haben will, ist für mich fraglich. Das wars von mir fürs Erste. Meine Mutter darf nicht wissen, wo ich das Buch verstecke.

Aber ich musste einfach mal mit jemanden reden und sei es auch nur schriftlich mithilfe von alter Tinte mit einem Fetzen alter Zellulose als einzigem, dem ich noch meine echten Gedanken anvertraue.

Text: Benjamin, Illustration und Film: Alex und Daniela.
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