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Philosophisches Streitgespräch

"Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen."

Das schreibt Adorno, einer der großen Kritiker unser Kulturwelt und des Zeitgeistes etwas von oben herab über seine Mitmenschen und ein Redakteur und eine Redakterin dieser Ausgabe fragen sich:

Beschreibt Adorno damit auch uns, vielleicht sogar mich? Wie kann und muss man unter diesen Bedingungen eine Zeitung schreiben …?

Michael Greinert und V. Bauer führen ein redaktionelles Streitgespräch.

Michael Greinert:

Ich muss „Ja, wir sind wohl gemeint“ antworten, wenn man sich die gesellschaftliche Entwicklung ansieht, die Trends und Mode. Egal, wie sehr man seine Individualität erhalten möchte, früher oder später fällt man – mehr oder weniger- unfreiwillig dem Lauf der Masse zum Opfer. Seien es nun Kleidung, die Sprache oder neueste Technik-Gadgets, etwas färbt immer auf einem selbst ab.

Da wären z.B. die zerrissenen Klamotten, insbesondere Jeans und Jacken. Während sie früher für Rebellion, Protest und Freiheit standen, stehen sie heute für die Masse, für einen Trend ohne größere Bedeutung. Sie werden gekauft, getragen und entsorgt, häufig ohne ihre eigentliche Bedeutung zu kennen. Auch hier muss ich mir eingestehen, dass der anhaltende Trend immer noch befremdlich auf mich wirkt, eine Jacke mit Schrammen und Löchern hängt trotzdem im Kleiderschrank.

Die Unfreiwilligkeit in der Sprache kommt z.B. durch Anglizismen wie „nice“, „no joke“ oder auch durch andere Fremdwörter wie „mashallah“ und „vallah“ zur Geltung. Quasi jeder verwendet Begrifflichkeiten anderer Sprachen im Alltag, unabhängig von Alter und Geschlecht. Und auch ich verwende Anglizismen bzw. Fremdwörter im normalen Sprachgebrauch, obwohl ich eigentlich kein großer Fan davon bin. Trotzdem haben sie sich bei mir durch gesellschaftliche Einflüsse eingebürgert und verankert. Das Problem hierbei ist, dass auch hier viele den Hintergrund bzw. die Bedeutung der ausgesprochenen Worte gar nicht kennen. Sie schnappen sie in irgendwelchen Youtube-Videos auf, von Freunden, etc. und verwenden sie…häufig noch nicht einmal im richtigen Kontext…

Und mit den ewigen Diskussionen über die Technikriesen wie Apple und Samsung, wie Playstation und Xbox, etc. möchte ich gar nicht erst anfangen…

Wie man unter solch mitläuferischen Bedingungen eine Zeitung schreiben kann und soll? Schwierig. In meinen Augen sollte eine Zeitschrift zwar – im gesunde Maße – auf die Gesellschaft ausgerichtet sein, sich aber auf keinen Fall zu sehr allen möglichen Trends und Mehrheitsmeinungen unterwerfen. Sie sollte immer eigene Standpunkte vertreten, eigene oder auch andere Sichtweisen erläutern.

Häufig verzichten Medien aber darauf, einfach aus der Grundangst heraus, „gecancelt“ zu werden. Wer heutzutage kritisiert, wer unangenehme Fragen stellt, wird schnell von den lauten Schreien von empörten Teilen der Zivilgesellschaft niedergemacht. Zu sehen war dies z.B. zu Hochzeiten der Flüchtlingskrise. Ein falsches Wort und sofort war jemand in die linke oder rechte Ecke gestellt und bei vielen Menschen unten durch.

Oder die Berichterstattung zu Russland, China und den USA. Während Putin, Xi Jinping und ihre Systeme bis ins kleinste Detail kritisiert werden, finden beispielsweise ähnliche Taten unseres amerikanischen Freundes kaum negative Beachtung. Was in einem Moment eine unmenschliche Kriegshandlung ist, ist im nächsten eine Friedensmission für Stabilität und Sicherheit. Zu groß ist die Angst, alte Verbündete zu verärgern oder Angriffsfläche zu bieten. Eine solche Doppelmoral mag zwar vielen der Leserinnen und Leser reichen, der Bildungs- und Informationsauftrag wird hier aber nur unzureichend erfüllt.

Natürlich sollte sie nicht über das Ziel hinausschießen, sich an Fakten halten. Sie sollte aber Diskussionen anregen und kritisch hinterfragen. Sie sollte auch mal gegen den Strom schwimmen. Zeitungen leben zwar von Fakten, aber auch von eigenen Ideen, Gedanken und Visionen, nicht vom Mitlaufen und Beugen. Der mögliche Gegenwind sollte dabei zu keiner Zeit ein Hindernis sein.

Verena Bauer

Nein, wir müssen uns unser „Ich“ nicht nehmen lassen, auch wenn wir tatsächlich oft gleichzeitig Ähnliches konsumieren, denken und fühlen, heißt nicht, dass wir uns einfach dem Geschmack der Masse beugen. Denn das hat ganz andere, schönere Gründe. Dass viele von uns dem etwas schmierigen, aber sympathischen Anwalt „Saul Goodman“ aus der Netflixserie „Better Call Saul“ gerne zusehen, wie er sich mit Fantasie durch eine schier unendliche Anhäufung von Problemen manöviert oder dass Nathan Evans „Wellerman“ viral eingeschlagen hat, liegt weniger an der Macht der Kulturindustrie, die uns manipuliert, sondern daran, dass wir – im Guten und Schlechten – als Menschen doch erstaunlich gleich ticken.
Wir lassen uns also nicht manipulieren, sondern sind einfach Mensch und als solcher auch frei und selbstständig.
Als Im-Jetzt-Lebende teilen wir dabei nicht nur die meisten Ängste und träumen die über Jahrhunderte gleichen Träume von Liebe, Freiheit und Abenteuer. Wir teilen in einer vernetzten Welt, in der Informationen allen offenstehen, auch gemeinsame Erfahrungen, Historizität und Probleme als Menschheit – in Deutschland und der Welt als Ganzes. Deswegen ähneln sich unsere Vorlieben, nicht weil Netflix, Amazon und Co uns zu willenlosen Zombies gemacht hätten.
Diese Gleichförmigkeit, die sich in den unterschiedlichsten Trends wie dem Veganismus äußert, dürfen wir uns eingestehen, ohne auf unser „Ich“ verzichten zu müssen. Sie sind eine Reaktion auf die Welt und manchmal schlicht eine gute Idee.
Dabei wir sind durchaus in der Lage, uns aus der Vielfalt des Angebots das Herauszusuchen, was zu uns passt. Menschen setzen nicht nur eigene Akzente bei der Auswahl, sondern schaffen immer wieder wirklich Neues – Individuelles – aus sich heraus. Sonst würden in den Zeitungen und Filmen von heute immer noch die gleichen Nachrichten und Geschichten zu finden sein wie 1908.
Dieses individuelle Schöpfungskraft und Kreativität ist derzeit auch unverzichtbarer denn je.
Denn um die gemeinsam erlebte Welt ist es keineswegs in jeder Hinsicht gut bestellt Es braucht jetzt mutige, selbstbewusste und zielsichere Individualisten mit Visionen, die bereit sind, neue Wege zu gehen.
Um diese Probleme anzugehen, ist es gut, dass nicht jeder ein einzelnes „Ich“ ist, zu dem andere keinen Draht finden. Lösungsansätze entstehen gemeinsam.
Und auch wenn die Mitglieder einer Zeitungsredaktion nicht gleich diese Lösungen präsentieren können, so ist es doch ihre Aufgabe, wenigsten die richtigen Fragen aufzuwerfen.
Jeder, ganz individuell und selbstständig auf seine Weise, im breiten Spektrum dessen, was die wunderbare Spezies Mensch so hergibt.
Wir wollen Neues oder Weitergedachtes, bunt und anders.

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